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kath 2:30 Dies DominiIrgendwo in Deutschland: In einer Versammlung geht um die Zukunft eines Kirchenortes. Den ganzen Tag über wurde überlegt, wie man sich für die kommenden Jahre am besten aufstellen könne. Und dann: Eigentlich war alles schon zu Ende, die Runde kurz davor, sich aufzulösen, da kam doch noch ein Thema auf: Vor der Kirche, da hänge ja diese Regenbogenflagge, und vermehrt werde angemerkt, dass die Flagge als störend empfunden werde, auf persönlicher Ebene und da sie eben auch nicht der amtskirchlichen Linie entspreche.

Große Teile der Gesellschaft radikalisieren sich gerade, werden engstirniger, weniger offen. Man liest allerorten von Entwicklungen, die gesellschaftliche und soziale Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zurückdrehen oder gar vernichten wollen. Rechtsextreme Tendenzen verbreiten sich auf immer mehr Schulhöfen, Grundlagen für den Klimaschutz werden ausgehebelt, … Das Bunte und auch die Grautöne verschwinden, Schwarz-Weiß breitet sich immer weiter aus. Nicht so in der Kirche? Die Türen stehen immer offen? Ganz der christlichen Nächstenliebe verpflichtet, sind alle willkommen? Alle? Alle eben, die man für passend hält. Was glauben Sie denn?

 

Ja, die aktuelle Bedeutung der Regenbogenflagge scheint der offiziellen katholischen Morallehre zu widersprechen, doch wenn man sich einmal die Mühe macht, die Flagge, beziehungsweise die Bedeutung der Farben und Formen differenziert zu betrachten und nicht nur als Symbol der queeren Bewegung sieht, dann verschiebt sich das Bild.

Ursprünglich war die Regenbogenflagge, bevor sie ein queeres Symbol wurde, eines für Frieden, Erneuerung und Veränderung war. In der neuesten Version stehen die Farben und Formen für die folgenden Bedeutungen:

  • Aus der Pride-Flag von 1978 stammen die Farben rot, orange, gelb, grün, königsblau und violett mit den Bedeutungen für Leben, Gesundheit, Sonnenlicht, Natur, Harmonie und Geist.
  • 2018 wurden mehrere Streifen in Keilform ergänzt. Braun und schwarz stehen für die People of Colour. Aus der Transgenderflagge stammen hellblau und rosa für kleine Jungen und Mädchen sowie weiß für Menschen, die undefiniert, intersexuell oder geschlechtsneutral sind.
  • Zuletzt wurde 2021 der violette Ring auf gelbem Grund aus der Intersexflagge hinzugefügt. Der Ring ist ein Symbol für die Ganzheit und Vollständigkeit intergeschlechtlicher Menschen, die Farben wurden gewählt, da sie keine geschlechtlichen Zuschreibungen haben.

Bis auf die drei letztgenannten Aspekte (weiß, gelb und violetter Ring) fällt es mir schwer, an den Bedeutungen aus christlicher Perspektive Anstoß zu nehmen. Doch selbst eine klare Ablehnung der Bedeutungen von weiß, gelb und violettem Ring stellt sich komplizierter dar: Man denke an die Schöpfungsgeschichte, in der der Mensch als Mann und Frau geschaffen wurde – von Zwischentönen keine Spur, könnte man meinen. Ein Blick in den hebräischen Urtext lohnt hier: Die Zuschreibung des Geschlechts ist attributiv („männlich“ und „weiblich“) und nicht absolut. Es ist kein duales Konstrukt, sondern eine Skala zwischen zwei Polen, einer männlich, einer weiblich. Man muss nur einmal in einer großen Menschenmenge den Blick schweifen lassen, um das zu erkennen: Nicht alle Männer sind gleichermaßen männlich und nicht alle Frauen gleichermaßen weiblich.

Selbstverständlich kann man an der Regenbogenflagge Anstoß nehmen, doch wie kann Kirche sich katholisch (d.h. allumfassend) nennen, wenn sie selbst nicht alle Menschen bedingungslos umfassen möchte? Um dem entgegenzustehen, gibt es in meinen Augen vor einer Kirche kein besseres Zeichen, das sichtbar macht: Wir alle sind Gottes Geschöpfe, von Gott so geschaffen und gewollt, wie wir sind – ohne Ausnahme!

Wenn das aber nicht geht, sollten wir uns beim Anblick einer Regenbogenflagge egal welcher Ausführung einfach daran erinnern, was der Regenbogen ursprünglich ist: Gottes erstes Bundeszeichen an Noah und an alle Menschen, ein Friedenszeichen!

Jan Wacker

Author: Jan Simon Wacker

ist theologischer Assistent der Katholischen Citykirche Wuppertal

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